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Referat Peter Schneider - Paarungen - Biographische Bezüge



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Projekt ”Literatur des 20. Jahrhunderts”

Peter Schneider


Paarungen

Inhalte


1.1. Die Darstellung der Thematik

Der Roman ,,Paarungen' von Peter Schneider beinhaltet unter an­derem die Ratlosigkeit im Zusammenleben von Männern und Frauen trotz Forschung und Wissenschaft der ,,sexuellen Revolution', der Emanzipation der Frau usw.

Weitere Themen sind die Auseinandersetzung mit Kindheit und Jugend und damit zusammenhängend auch die Auseinandersetzung mit alten Idealen und Wertvorstellungen.



Weiterhin wird die Beschäftigung mit der (”schuldigen”) Vätergeneration der 68er-Generation und deren Unschuldswahn behan­delt.

Außerdem wird das Leben im geteilten Berlin und die damit einhergehende Identitätssuche thematisiert.


1.2. Skizze des Inhalts

Der Roman beschreibt einen kurzen Lebensausschnitt des Naturwissenschaftlers Eduard.

Eduard schläft plötzlich nur noch auf dem Rücken, es ist ihm unmöglich auf dem Bauch einzuschlafen. Mit dieser scheinbar harm­losen Begebenheit beginnt sich sein ,,gesichertes' ,in letzter Zeit etwas langweiliges und eintöniges Leben( stabile Beziehung, gefestigte Ansichten, gut bezahlter Job)  zu verändern - es gerät noch einmal ein Stück aus den Fugen.

Als nächstes bescheinigt ihm seine Lebensgefährtin Klara, dass er unfähig ist zu lieben, was einen längeren Gedankenprozeß bei ihm auslöst. Kurz darauf stirbt sein Vater, was bei Eduard heftige Kindheitserinnerungen auslöst.

Eduard trifft sich mit seinen Freunden André und Theo meistens in einer Kneipe namens ,,tent'. André ist ein Komponist, der ständig in verschiedenen Liebesbeziehungen steckt, nun aber zum er­sten Mal versucht seine Verlobte Esther zu heiraten. Theo dagegen ist Dichter, er schreibt gerade mit André an einem gemeinsamen Projekt. Sein eigentlicher Wohnsitz liegt im (DDR-regierten) Ost-Berlin, er besitzt aber einen Passierschein in beide Richtungen. Theo liebt es in Diskussionen stets die Gegenposition seines Gegenübers einzunehmen. Seine Frau heißt Pauline.

Alle drei beschließen eines Nachts im 'tent' eine Wette: Derjenige, der nach einem Jahr nicht mehr mit seiner Lebensgefährtin zusammen lebt, muss einen Skiurlaub bezahlen.

Einige Zeit später macht sich Eduard Gedanken über seine Fruchtbarkeit. Er entschließt sich einen Fruchtbarkeitstest zu machen. Es stellt sich heraus, dass es Eduard so gut wie unmöglich ist ein Kind zu zeugen.

André erzählt ihm einige Tage später, dass er Esther nun wirklich heiraten möchte. Ihre Familie sei aus der Sowjetunion in ihre ge­meinsame Wohnung gezogen, was einige Probleme aufwerfen würde, da diese nicht an die westliche Überflußgesellschaft gewohnt seien. Eduards und Klaras Beziehung dagegen wird immer 'normaler' - der Alltag zieht ein. Theo berichtet Eduard, dass er und Pauline sich geeinigt hätten ein Jahr kein Sex miteinander haben zu wollen und so versuchen ihre Beziehung zu retten.

Wenige Tage darauf erfährt Eduard von André, dass dieser (wieder) Krebs hätte; André heiratet seine Verlobte Esther.

Eines Tages offenbaren zwei Wahrsagerinnen Eduard, dass seine Lie­beslinie drei wichtige Beziehungen nebeneinander voraussagen wür­den. Er beginnt wenig später eine Affäre mit einer jüngeren Frau namens Jenny und einer Opernsängerin namens Laura. Als Klara von der Affäre mit Jenny erfährt, trennt sie sich von ihm. Eduard ver­sucht danach erst einmal sein Leben ohne Klara (aber mit Jenny und Laura) zu ordnen und zu organisieren, trifft dabei aber immer wie­der auf Gefühlsausbrüche von Klara (z.B.nächtliches Sturmklingeln). Als er eines Tage überraschend Theo im 'tent' trifft, erzählt dieser ihm, dass er und Pauline sich ebenfalls getrennt hätten. Weiterhin läge André seit zehn Tagen im Krankenhaus, wo Eduard ihn sofort besuchen möchte. Dort erfährt er, dass André sich von Esther getrennt hat - niemand von den dreien hat also die Wette gewonnen bzw. alle haben sie verloren.

Trotz des negativen Ergebnisses von Eduards Fruchtbarkeitstest wird inner­halb kurzer Zeit zuerst Jenny und dann Laura schwanger, wobei letztere sich zum Abbruch entscheidet, während Jenny das Kind aus­tragen will.

Nach einem Kurzurlaub mit Klara zieht Eduard dann zu Jenny. Der Roman endet damit, dass Eduard, André und Theo sich in Warschau treffen, wo Anrés und Theos Projekt uraufgeführt wird. Dabei ge­lingt es einer jungen Polin, mit der die drei zuvor noch geflirtet haben, mit dem gesamten Geld von ihnen zu verschwinden.


Stilistik


2.1. Die Charakteristik der sprachlichen Gestaltung des Werkes insgesamt

Peter Schneider erzählt den Roman aus der personalen Erzählpers­pektive. Er hat sich Eduard als 'Stellvertreter' gewählt. Der Leser ”durchlebt” dessen Gefühle, seine(Selbst-)Zweifel und seine inneren Monologe.

Schneider benutzt eine ziemlich umgangssprachliche Wortwahl in einem ,,neuem' Deutsch. Er gebraucht eine sehr bildhafte Sprache mit vielen sprachlichen Mitteln wie

Metaphern, z.B. Trauergermane in Uniform für den Postboten (Seite 152),

Vergleichen, z.B. rechts, wie aus Legosteinen zusammengesteckt, ziegelrote Fabrikgebäude (Seite 32), die Nachricht seiner Trennung von Klara hatte sich in Eduards Umkreis wie Gas in einer hundertzimmrigen Wohnung (Seite 256),



rhetorischen Fragen, z.B. elektromagnetische Wellen führten aus dem Grab der Mutter ans Totenbett des Vaters, Ströme von Im­pulsen rasten über eine Strecke von dreißig Jahren hin und her und ordneten einen alten Text neu, und diese Lesart sollte die Wahrheit sein? (Seite 119)

Personifizierungen, z.B. Kandidat für Eduards Sperma (Seite 147).

Oft verschwimmen Realität und Schein (z.B.Herden von Zebras galoppierten durch das tickende Fern­sehbild und sprühten feine Schweißtropfen auf Jennys Rücken, Seite 199).

Der Roman ist im Verbalstil geschrieben.


2.2. Die detallierte sprachliche Analyse einer typischen Passage (Seite 65 ”Vor allem das letzte Datum” bis Seite 69 ” war ein Drakelspruch aufbewahrt”)

Eduard macht einen Fruchtbarkeitstest. Zuerst hat er Probleme eine Ejakulation zu bekommen, dann fährt er unter Zeitdruck durch Berlin um seine Spermaprobe rechtzeitig abzuliefern. Am Zielort angekommen, bemerkt er, dass es zwei Straßen gleichen Namens in der Stadt gibt. Er ist natürlich in der falschen Straße und muss sich nun erst recht beeilen.

Die Textpassage beginnt mit einem inneren Monolog. Eduard stellt sich Fragen über seine Fruchtbarkeit. Schneider benutzt hier Hauptsätze. Die Textpassage enthält einige Personifizierungen. So wird Eduards Penis als 'leichtgläubiger Tölpel, dem bisher kein Szenario zu spießig, kein Plot zu unwahrscheinlich gewesen war', der jetzt aber 'Innovation' und 'Kunst statt Groschenroman”verlangte, bezeichnet. Es wäre möglich, dass der 'Prüfling jede Mitarbeit an ei­nem Verfahren verweigern wollte. Weiterhin wird er ,,Probant, der ,,zu einer halbherzigen Mitarbeit bereit” ist, genannt. Eduards Spermien werden mit 'Invalidenhaufen', die ,,einmal springlebendig gewe­sen waren', umschrieben.

Durch die Gegenüberstellung von nicht zusammengehörenden Elementen wie z.B. NASA-erprobter Aluminiumschutz und einer Spermaprobe wird Ironie erreicht.

Auch diese Textpassage ist im Verbalstil geschrieben, was sie le­bendig macht.


2.3. Angemessenheit der sprachlichen Mittel

Da der Roman 'Paarungen' in der heutigen Zeit (bzw. vor ca. 10 Jah­ren spielt), ist die lockere Sprache in ”neuem” Deutsch durchaus an­gemessen. Durch die oft sehr bildhafte Sprache kann der Leser sich in Eduards Gefühlsleben hinneinversetzen und die Welt mit seinen Augen sehen; er kann auch bemerken in welcher Gefühlslage Eduard sich befindet - je nachdem, ob Vergleiche, Metaphern usw. positiv oder negativ skizziert sind. Durch die lockere Schreibweise und die Ironie werden auch prekärere Situationen(wie z.B. Eduards Sexleben) gut herübergebracht und die eigentlich ernste Thematik mit Humor behandelt.


3.Biographische Bezüge


3.1. Die Biographie des Autors

Peter Schneider wurde 1940 in Lübeck geboren ist aber in Grainden und Freiburg aufgewachsen. Seit 1961 lebt er in Berlin, wo er als freier Schriftsteller tätig ist. Er studierte Germanistik. Philosophie und Geschichte und war einer der Wortführer der Studentenbewegung. Peter Schneider veröffentlichte zahlreiche Aufsätze (vor allem im 'Kursbuch') und schrieb mit Dieter Bitterli Fernsehfeatures für den WDR (Schulkampf, Frau Elisabeth Marquand - Geschichte eines Lebens, das in den Geschichtsbüchern nicht vorkommt) .1970 erschien sein Band 'Ansprachen - Reden, Notizen, Gedichte', in dem er sich kritisch mit sich und der 68er-Generation aus­einandersetzt. 1973 erschien 'Lenz', das ein Kultbuch der Linken wurde (Büchners gleichnamige Novelle wird neu erzählt, es ist die Geschichte eines jungen Intellektuellen aus den 60er-Jahren, der sich auf der Flucht vor den ideologischen Scheuklappen seiner ”Glaubens”-Genossen befindet). Später erscheint sein Roman 'Mauer­springer'. 1992 wird sein Roman 'Paarungen' veröffentlicht, der zwar durchaus ein Publikumserfolg wird, aber nicht als sein wichtigs­tes Werk gilt, als das allgemein 'Lenz' gilt.


4. Bewertung


4.1. Die Bedeutung der Inhalte für das Lesepublikum

4.1.1. Ist die Thematik ein abstruser Einzelfall oder wird mit dem Besonderen (Individuellen) auch Allgemeines (Gesellschaftliches) erfasst?



Ich denke, dass die Thematik (bzw. ein Teil von ihr)j eden betrifft/ betreffen kann. In unser vermeintlich so fortschrittlichen Welt, in der die erkämpften freiheitlichen Rechte niemals größer wa­ren, scheint der Mensch halt- und ziellos zu sein und ist nicht mehr fähig eine Beziehung einzugehen. Damit geht die Anonymität und die Einsamkeit des Einzelnen einher, kaum jemand lernt den Anderen noch richtig kennen.

Ebenfalls wird in dem Roman die Frage nach moralischer Schuld / Unschuld behandelt. Jeder hält sich für 'gut' und unschuldig, doch Schneider zeigt, dass niemand wirklich 'unschuldig' is t(z.B. bei der Tierversuchsfrage oder die evtl. NS-Vergangenheit von Eduards Großvater) Auch die Auseinandersetzung mit (oftmals viel höher­en) Idealen und Wertvorstellungen von Kindheit und Jugend wird wahrscheinlich viele einmal betreffen.


4.1.2. Gelingt über die gewählten Inhalte die Kontaktaufnahme zum Leser?

Ich denke, dass Peter Schneider seine Figuren so gewählt hat, dass man sich einerseits ein kritisches Bild von ihnen machen kann und so z.B. eine gewisse Distanz gegenüber dem oft kühlen und berechnenden Eduard entwickeln kann, dass man sich aber andererseits in sie hineinversetzen und ihre Motive und Beweggründe verstehen kann.

Die ironische Überspitzung in Teilen des Buches, die z.B. durch die krassen Gegensätze (André und Theo als jüdische Künstler, dagegen Eduard als trockener Naturwissenschaftler, der evtl. ei­nen NS-Großvater hat), aber auch durch andere Dinge (z.B. die bei­den Schwangerschaften trotz annähernd negativem Testergebnis) erzeugt wird, macht den Einstieg und das Lesen des Romanes leicht. Zwar ist die Thematik alltäglich bzw. kann jeden betreffen, doch der Inhalt ist humorvoll und manchmal sogar ein bißchen abstrus.


4.2. Die Bedeutung der Stilistik  für die Rezipienten: 'lesbar' oder nicht?

Durch die 'lockere' Schreibhaltung im heutigen Deutsch ist es nicht schwierig den Roman zu lesen und zu verstehen. Die perso­nale Erzählhaltung beschreibt Eduards Gefühlsleben und seine Sicht so, dass sie für den Leser gut nachzuvollziehen ist. Dies wird auch durch die Metaphern und Vergleiche, die je nach Gefühlslage mehr positive oder negative Aspekte enthalten, erreicht.


5. Skizze eines produktorientierten Interpretationsansatz

Peter Schneider war einer der Wortführer der 68er-Generation, einer Generation, die sich 'unschuldig' mit ihrer verbrecher­ischen Vätergeneration auseinandergesetzt hat, in einer Zeit voller gesellschaftlichen Auf- und Umbrüchen. Er selbst wirft einen kritischen Blick auf diese Generation, besonders wie sie sich bis heute entwickelt hat.

In den 8Oer-Jahren, in denen der Roman spielt, schien die Poli­tik festgefahen, obwohl sich langsam die Perestroika entwickel­te. Jugend und Menschen waren ideologielos (bzw. es gab keine große Jugendbewegung wie in den vorherigen Jahrzehnten). Es gab viele unterschiedliche Jugend- und Subkulturen, die sich teilweise gegenüberstanden, aber kaum eine große geistes- oder ideengeschichtliche Welle(Öko- und Friedensbewegung waren aus den Hippies hervorgegangen und der Popper war eher am konsumie­ren interessiert). Alles schien schon einmal dagewesen zu sein. Doch trotz der vielen Möglichkeiten, seine Individualität zu ent­wickeln, vereinsamen die Menschen. In den anonymen Großstäd­ten leben sie haltlos ohne tiefere Kontakte, vermeintliche Wer­te und Moral (eine Dreier-Beziehung ist nichts Ungewöhnliches mehr). Kirchliche Werte zählen fast nichts mehr.

Außerdem sind da auch noch die Gegensätze von Ost und West (den Niedergang des Ostblocks konnte man noch kaum voraussehen). Die Atommächte waren so hochgerüstet, dass ein evtl. Krieg un­wahrscheinlich geworden war, der aber dann die totale Vernich­tung der Menschheit bedeutet hätte. Und West-Berlin war die Stadt, die vermutlich als eine der ersten betroffen gewesen wäre. Dem standen die Menschen mit Hilflosigkeit gegenüber, sie hatten kaum die Macht einen evtl. Atomkrieg zu verhindern. Dennoch skizziert Schneider seine Figuren überwiegend posi­tiv (so ist es z.B. André möglich seinen Krebs u.a. durch seinen Lebenswillen und seine positive Grundeinstellung zu besiegen).


6. Zusammenfassendes Urteil

Ich finde, dass'Paarungen' von Peter Schneider ein sehr unterhalt­samer Roman ist. Durch die hintersinnige, oft   versteckte Ironie war der Roman sehr humorvoll, trotz des ernsteren Hintergrundes. Peter Schneider konnte die Geschichte locker erzählen.

Anhang:Textpassage

Vor allem das letzte Datum hatte ihn erbleichen lassen. Woher nahm er eigentlich die Sicherheit, dass er zeugungsfähig war? Die­se Sicherheit hatte sich bisher einzig auf seine Weigerung ge­gründet, Vater zu werden. Wie aber, wenn er dazu gar nicht in der Lage war? Klara zitierte eine Erhebung, wonach in fünfzig Prozent aller Fällen von anhaltender Unfruchtbarkeit der Mann für das Malheur verantwortlich war. Jetzt, nach dem Tod seines Vaters, wollte er wissen, ob er ein Kind haben könnte, falls er es wollte. An einem Montagmorgen stand Eduard um sieben Uhr auf. Das Weck­zeichen erinnerte ihn unangenehm daran, dass er an diesem Tag nicht als Leiter, sondern als Probant in einem Labor erwartet wurde. Diese Prozedur für den Test war auf einem Merkzettel ver­zeichnet, den sein Arzt ihm zusammen mit einem verschließbaren Plastikbecher ausgehändigt hatte. Was nicht auf dem Zettel stand, war ein praktischer Rat, wie er die Probe in den winzigen Becher manövrieren sollte. Eduard hatte gelernt, mit einer Pin­zette Gewebeteile aus kaum zugänglichen Teilen eines Mäusekör­pers zu entnehmen. Wie aber sollte er ein Sekret produzieren, das noch in keinem Fall durch die Vorstellung von einem Lichtmikros­kop hervorgelockt worden war?



Klara konnte er nicht wecken ,um den seltsamen Dienst von ihr zu verlangen. Er hatte ihr sein Vorhaben verschwiegen, da er erst einmal das Ergebnis des Test abwarten wollte. Auf der Suche nach einer hilfreichen Vorstellung machte er eine beunruhigende Ent­deckung. Die szenarien, die im Museum seiner sexuellen Träume aufbewahrt waren, erschienen ihm plötzlich albern, als Pfuschwerk einer ausgebrannten, erbärmlich repetitiven Phantasie. Weder die Sonntags­idylle, die im Landhaus eines Kollegen spielte und die Hausherrin grundlos nackt am Küchenherd zeigte, wie sie geduldig die Kirschmarmelade umrührte, während Eduard ihr von hinten den Rhythmus vorgab, noch die gewagtere Szene vom Terzett im Tierla­bor riefen die geringste Regung hervor. Dieser sonst so leicht­gläubige Tölpel, dem bisher kein Szenario zu spießig, kein Plot zu unwahrscheinlich gewesen war, hatte auf einmal ästhetische Ansprüche, er verlangte Innovation wollte Kunst statt Groschenroman. Möglich aber auch, dass der Prüfling jede Mitwir­kung an einem Verfahren verweigern wollte, bei dem die gering­ste Außerung zum Belastungsmaterial werden konnte. Erst als Edu­ard auf eine romantische Szene aus Schülertagen zurückgriff - Wiese,Wald,Kirschblüte -, war der Probant zu einer halbherzigen Mitarbeit bereit.

Es erwies sich als schwierig, die Millimeter im Plastikbecher aufzufangen. Mit Bitterkeit dachte Eduard an das billige Lachen, das bei Dick-und-Doof-Filmen aufkommt, wenn der Dicke den Koch­topf auf den Kopf des Doofen stülpt.

Der Arzt hatte ihm eingeschärft, seine Samen binnen einer halben Stunde ins Labor zu schaffen und sie dabei körperwarm zu hal­ten, da Kälte und Zugwind die vermutlich ohnehin eingeschränkte der Samenfäden verlangsamen und das Testergebnis ungünstig be­einflussen könnten. Eduard besann sich auf seine Skihandschuhe. Das Futter war - eine Entdeckung der NASA nutzend - mit Aluminium verstärkt und schützte angeblich sogar gegen die Kälte im Welt­raum. Er schob den Becher in einen der beiden Handschuhe, warf sich in seine Kleider und rannte mit dem Skihandschuh in der Hand in den Maimorgen.

Das Labor lag in einem Villenviertel der Stadt - ein seltsamer Standort für eine Einrichtung, die in weniger als einer halben Stunde erreicht werden musste. Eine Feuerwehrgarage, die zwölf Kilometer entfernt von den feuergefährdeten Altbauten der In­nenstadt gebaut wird, würde jedermann als Fehlplannung bezeich­nen. Eduard war nicht gewillt, der Lebendigkeit seiner Samenfä­den zuliebe sein Leben zu riskieren, und schnallte sich an. Den Skihandschuh schob er zwischen die Beine, wo die Probe der na­türlichen Wärme ihres Ursprungs am nächsten war, und fuhr ,nach­dem er das Kühlsystem seines Wagens ausgeschaltet hatte, in halsbrecherischem Tempo los. Es war ein seltsames Gefühl, zwi­schen Autofahrern, die an diesem Morgen ihre Tapeten, Getränke, Elektrogeräte oder nur ihre Arbeitskraft transportierten, eine so ungewöhnliche Fracht durch den Verkehr zu leiten. Trotzdem wich er dem hinter ihm hupenden Lieferwagen nicht aus. Coca Cola, eisgekühlt, hielt sich auf jeden Fall besser.

Je länger Eduard unterwegs war, desto deutlicher glaubte er zu spüren, wie die Samenfädchen im Plastikbecher ,die vielleicht einmal springlebendig gewesen waren, ermatteten. Wie sollten sie ihre Fähigkeit, einen Eileiter hochzuklettern, noch unter Bewies stellen, wenn er sie vorher durch die ganze Stadt schlep­pen musste? Mindestens hunderttausend Fädchen pro Millimeter, wußte er aus der Literatur, mussten sich gleichzeitig in Bewegung setzen, damit eines ans Ziel gelangte.

Niedrige, von Gärten umgebene Häuser zeigten an, dass er das gesuchte Villenviertel erreicht hatte. Aber das Haus, das mit der Adresse auf dem Merkzettel übereinstimmte, konnte kaum das ge­suchte Labor beherbergen. Es war hinter einem Wäldchen von exo­tischen Zierbäumen versteckt, spielende Kinder im Garten kündeten von der Fruchtbarkeit seiner Bewohner. Er stieg aus und ging auf einen hölzernen Anbau zu, in dem sich am ehesten ein Labor vermuten ließ. Erst als sich ihm aus den offenen Luken Pferdehälse entgegenstreckten und Pferdenasen an seinem Ski-handschuh schnupperten, wurde ihm klar, dass er sich geirrt ha­ben musste. Offenbar hatten die Stadtväter der populären preußischen Königin gleich mehrere Straßen geweiht. Im Stadtplan fand er eine zweite namensgleiche Straße, die im benachbarten Stadt­viertel zu seiner Wohnung lag.

Auf der Rückfahrt wurde er von einem wohltuenden Gefühl der Gleichgültigkeit ergriffen. Es war ihm egal, ob die Fädchen im Becher am Ende der Reise noch zu einer Regung fähig wären. Er würde den Becher mit dem halbtoten Invalidenhaufen ohne Kom­mentar auf den Tisch stellen und sich durch keine Verlockung überreden lassen, eine frische Probe zutage fördern. Womöglich war es sinnlos den Test überhaupt noch durchzuführen. Aber auch ein zwangsläufig ungenaues Untersuchungsergebnis war er ge­spannt. Womöglich waren seine Fädchen auch noch nach fünfund­dreißig Minuten mobil, wer konnte das wissen?

Die Laborhelferin empfing ihn wie einen Vertreter, der ein un­erwünschtes Abonnement loswerden will. Sie fragte ihn ,wann er das Ejakulat produziert habe, und blickte mit leichtem Vorwurf auf die Uhr, als er den Zeitpunkt nannte; er kam exakt vier Mi­nuten zu spät. Sie überprüfte die Überweisung des Arztes, das Etikett auf dem Plastikbecher und ordnete ihn in eine Reihe anderer, gleichartiger Becher ein. Der Hausarzt werde ihn über das Ergebnis unterrichten. Das Bild von den beschrifteten Bechern begleitete Eduard auf der Heimfahrt. In jedem dieser durchsichtigen, leicht verwechselbaren Becher war ein Orakel­spruch aufbewahrt.



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